Tanz der Kulturen

Zum 4. Mal gelingt dem Freien Theater Studio die Organisation eines Internationalen Tanztheaterfestival in Schwerin. "Tanz der Kulturen - zwischen Tradition und Moderne" - lautet das Motto des diesjährigen Festivals, das eine Brücke schlägt zwischen dem kulturellen Erbe verschiedener Kulturen und modernen Tendenzen des Tanztheaters der Gegenwart.

75 Künstler aus 20 Ländern geben einen kleinen Einblick in die bestehende Vielfalt von künstlerischen Strömungen, die sich nur schwerlich auf einem gemeinsamen Nenner bringen lassen. Deutlich wird auf jeden Fall die weite Verbreitung von Tanztechniken ganz unterschiedlicher kultureller und geographischer Herkunft, wie z.B. des amerikanischen Modern Dance, des deutschen Ausdruckstanzes und vor allem der Ansätze von Pina Bausch, ohne die das aktuelle Tanztheater undenkbar wäre. Mit diesem Grundlagen werden die regionalen und lokalen Traditionen verknüpft, um die Hoffnungen und Probleme der Gegenwart auszudrücken.

Die heute oft als Bedrohung empfundene Globalisierung, die Grenzen und Entfernungen abschafft, Kommunikation wie nie zuvor ermöglicht und gleichzeitig in einer Informationsflut ertränkt, das Individuum pausenlos mit Schreckensmeldungen und Werbeslogans bombardiert... dieselbe Globalisierung hat im Bereich des Tanztheaters eine durchaus positive Wirkung, indem sie Künstler der unterschiedlichsten und entferntesten Kulturen einander näher bringt. Dieser Prozess wird weiterhin unterstützt durch die internsive Zusammenarbeit von Künstlern unterschiedlicher Kontinente, die Verbreitung durch die Medien und die Realisierung zahlreicher Tanztheaterdestivals Tourneen etc. Das Kennenlernen führt sichtbar zu gegenseitiger Bereicherung und gleichzeitig zur gemeinsamen Suche nach neuen Wegen.

Anders als in der Welt der Wissenschaft oder der normalen Logik, der Statistik oder der Soziologie versucht das Tanztheater oft, die Gefühle der Zuschauer sinnlich anzusprechen-ohne den Umweg über das Rationale. Die Antworten, die das Tanztheater zu geben versucht, sind in Bilder und Metaphern gekleidet-ahnungsvolle Abdeutungen, Herausforderungen, Provokationen, die den Zuschauer zum eigenen Nachdenken anregen.

An der Jahrtausendwende besinnt sich das Tanztheater auf die ursprüngliche Kraft der Bewegung, die Energie, die spontane, direkte, natürlich fließende Bewegung ausstrahlen. Um diese Kraft wiederzuerlangen, ist das Tanztheater bestrebt, sich von Ballast wie technischen Einengungen oder künstlischen Kodifizierungen zu befreien. Dabei löst es die Grenzen zu anderen Gattungen auf und verwandelt sich in eine interdisziplinäre Kunst. Andere Genres wie z.B. Literatur, Pantomime, Film, Video, Sprechtheater, Oper, ... werden bei Bedarf problemlos auch im Tanztheater angewandt. Im selben Zusammenhang vollzieht sich auch eine deutliche Hinwendung zur Individualität: Der Tänzer ist jetzt ein Individuum, genau wie im modernen Theater ist das Individuum Dreh- und Angelpunkt des Geschehens auf der Bühne. Tänzer und Schauspieler sind keine bloßen Werkzeuge des Choreographen oder Regisseurs mehr, sondern werden zu Schöpfern, deren eigene Persönlichkeit, Erfahrungswelt, Phantasie ... Ausgangspunkt der Inszenierung sind. Auch das (im Theater) seit längerem bekannte und angewandte Konzept des "OffenenKunstwerks" , nach dem die Inszenierung erst in der Phantasie des Zuschauers, im Moment der Wahrnehmung ihren Abschluss findet, hat längst auf das Tanztheater übergegriffen.

Die internationale Entwicklung Im Bereich des Tanztheaters hat auch bei mecklenburgischen Tanzkompanien ihre Spuren hinterlassen. Dies zeigt sich im Rahmen des Festivals an den beiträgen der deutschen Tanzkompanie und des Ballettensembles des staatstheaters Schwerin.

Dr. Franklin Rodriguez Abad

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