"He, im Radio haben sie gesagt, Euer Geld kriegt dies Jahr Ataraxia, weil Ihr nicht in der Lage wart, Eure Mittel abzurufen?" rief mir am Freitag ein Bekannter auf der Straße zu. "Das ist eine Lüge", gab ich zurück, "da war nichts abzurufen ohne Fördermittelbescheid"- und hoffte im Stillen, er hätte irgend etwas falsch verstanden. Doch dann konnte ich es in der SVZ selbst nachlesen, ..."dass die ursprünglich geplante Kürzung (bei Ataraxia) von 14000 Euro auf 2000 reduziert werden konnte, weil das TIK die eingeplanten Mittel nicht abrufen konnte."(B Schüttpelz) "Der Antragsteller hat kein schlüssiges Finanzkonzept vorgelegt" (Zitat Kulturdezernent Junghans). Nun, letzteres war zumindest schon eine Halbwahrheit...
Geplante Kürzungen von Stadt und Land nicht akzeptabel
Selbstverständlich waren wir auch in diesem Jahr wie in den Jahren zuvor in der Lage gewesen, einen rechnerisch richtigen Kosten- und Finanzierungsplan für das Freie Theater Studio aufzustellen- nur konnten wir keine weiteren Mittelkürzungen von Stadt und Land mehr akzeptieren- da die Einrichtung durch Kürzungen (insbesondere seitens des Landes) in den Jahren zuvor bereits an den Rand des Ruins getrieben war. Letztes Jahr arbeiteten wir mit einer Finanzierungslücke von 10.000 Euro (beantragte Bundesmittel kamen nicht) und verbrauchten dabei restlos die geringen Reserven des Vereins. Noch ein Jahr unter den gleichen Bedingungen erschien schwerlich machbar, doch wir waren bereit es zu versuchen und beantragten -angesichts der allgemeinen Sparzwänge- nicht mehr als die Vorjahresmittel: 15.000 Euro von der Stadt und 20.000 vom Land. Mit diesem Geld und 15.000 Euro (aus Projekteinnahmen und Mitteln Dritter) wären wir in der Lage gewesen, Miete und Strom für das Theater, das Gehalt für unseren (von Anfang an einzigen!) Angestellten, parallel 3-4 regelmäßige Schauspielseminare, den Pantomime- und den Orienttanzkurs sowie ca. 3 eigene Inszenierungen und alle anderen damit verbundenen Ausgaben zu finanzieren. Mit fast doppelt so hohen Fördermitteln war das T'IK vor wenigen Jahren noch in der Lage, außerdem ca 100 öffentliche Veranstaltungen - darunter 1 Internationationales Tanztheaterfestival und 1 Internationales Pantomimefestival und oft einen Theatersommer pro Jahr zu finanzieren. An diesem Beispiel lässt sich vielleicht sehen, was für große Auswirkungen drastische Kürzungen bei Einrichtungen haben, die ihre Finanzen wie das TIK tatsächlich effektiv einsetzen.
Stadt und Land waren über die Situation im TIK informiert
Mit weniger als den jetzt beantragten Fördermitteln war das TIK nicht mehr in der Lage zu existieren. Man kann nicht darauf verzichten, Miete zu zahlen, man kann auch einen Theaterbetrieb nicht ohne einen einzigen Angestellten führen. Über diese Situation waren Kulturobere von Stadt und Land mündlich und schriftlich gut informiert. "Mehrere Gespräche und Hinweise hätten keine akzeptable Lösung gebracht", heißt es bedauernd in der SVZ von Freitag, dem 13. Ja, wie schade. Dabei hatte es soo viele nützliche Hinweise gegeben: Als erstes den Hinweis vom Herbst, dass es für 2004 von Stadt und Land jeweils maximal 12.000 Euro geben sollte: das bedeutete eine 20 %ige Kürzung seitens der Stadt und eine 40 %ige Kürzung beim Land (nach einer 33%igen Kürzung im Vorjahr) Angesichts dieses nützlichen Hinweises kündigten wir zunächst unseren einzigen Angestellten zum 01.01.04, denn es war ja nun nicht mehr sicher, dass wir ihn noch würden bezahlen können.
Warum nicht Kulturarbeit nur noch nach Feierabend?
Aber auch da wusste man Rat: So ein Theater sollte sich doch auch auf Honorarbasis führen lassen - Kursorganisation, Öffentlichkeitsarbeit, Leitung verschiedener Schauspielseminare, diverse Inszenierungen und Aufführungen...- so als Feierabendarbeit! Ich muss zugeben, unter finanziellem Aspekt fand ich diesen Tipp recht verlockend - vor allem, als ich mir vorstellte, wie das wäre, wenn man diese Gedanken auf breiter gesellschaftlicher Ebene verwirklichte: Die Volkshochschule entlässt ihre letzten Angestellten (das bißchen Organisation sollten doch wohl auch noch Honorarkräfte erledigen können), Ostdeutschland verzichtet nicht nur auf das Beamtentum, sondern macht richtungsweisend alle Direktoren zu Freiberuflern, Kindergartenleiterinnen pendeln fröhlich zwischen bis zu 4 Einrichtungen ... und erst die wunderbaren Einsparmöglichkeiten in der Verwaltung: sämtliche Mitarbeiter aus der Kulturförderung suchen sich einen netten Job und machen Kulturförderung fortan nach Feierabend! Aber nein- sicher würden sie den zahlreichen Kulturvereinen der Stadt mit gutem Beispiel vorangehen wollen und lieber ganz und gar ehrenamtlich arbeiten...
Andere Alternativen?
Ja, es gab auch 2,3 Hinweise, wo wir es noch mit Fördermitteln versuchen könnten, aber keine, die eine kurzfristige Problemlösung versprachen- die aber musste her. Da die Einrichtung an sich ab 01.01.04 vor dem Aus stand, konzentrierten wir unsere Aktivitäten auf mögliche Alternativen, prüften z. B. die Möglichkeiten, mit dem Theater kurzfristig in einer anderen Stadt unterzukommen. Dann überlegten wir uns den sicher wohlgemeinten Vorschlag aus dem Kultusministerium noch einmal und schauten ernsthaft nach Möglichkeiten, die einzige feste Stelle durch regelmäßigen Einsatz mehrerer zusätzlicher ehrenamtlicher Helfer zu ersetzen.
Ein kleines Kommunikationsproblem...
Teilnehmer aus den aktuellen Schauspielkursen schrieben einen besorgten Brief an das Kultusministerium und erhielten von dort eine überraschende Antwort: ihre engagierte Besorgnis sei lobenswert, aber völlig unbegründet, denn das Freie Theater Studio würde auch im Jahre 2004 gefördert; eine Schließung o. ä. sei daher nicht zu befürchten! (Wir rieben uns die Augen und lasen noch einmal- nein, von einer Förderung mindestens wie im Vorjahr stand nichts geschrieben - An dieser Stelle hatten wir den Eindruck, wir hätten ein kleines Kommunikationsproblem.) Telefonisch wandten wir uns an die Stadt Schwerin und teilten mit, dass wir eventuell doch noch ein überarbeitetes Finanzkonzept einreichen würden, aber dazu noch Zeit bräuchten. (Da wir in den vergangenen Jahren selten vor Mai einen Zuwendungsbescheid von der Stadt erhalten hatten, schien dies nicht problematisch).
Und nun doch: R.I.P.
Nach einer Reihe von Krisensitzungen beraumten wir für den 14.02.04 eine Mitgliederversammlung unseres Vereins an. Hier sollte ein neuer Vorstand gewählt und über die Zukunft des TIK entschieden werden. Angesichts der Zeitungsmeldungen vom Vortag brauchten wir jedoch nur noch Liquidatoren zu wählen und die Auflösung des Vereins zu beschließen- mit der totalen Streichung der städtischen Förderung (die i. d. R. auch Voraus-setzung für eine Landesförderung ist) konnte Nachdenken Gedenken Platz machen. Das Freie Theater Studio im TIK hinterlässt eine Reihe inzwischen berufstätiger Schauspieler, unterschiedlich fortgeschrittene Gruppen von Schauspiel- und Pantomimeschülern, begonnene und bereits beendete Inszenierungen, unbeantwortet gebliebene Auftrittsangebote Freier Künstler, persönlich gefärbte Erinnerungen an einige der Hunderten von Aufführungen, an Begegnungen zwischen Menschen und Kulturen, den Traum von einer weltoffeneren Stadt und ein kleines, aber künstlerisch anspruchsvolles Theaterpublikum.
Das Freie Theater Studio e. V. entstand 1994 nach bereits über 3 Jahren Freier Theaterarbeit in Schwerin (1. Freies Theater in Mecklenburg). Zu den ersten eigenen Inszenierungen gehörten "Geschichten von Irgendwo" ("Die Oliven", "Der Mann als Hund", "Der Spielmann", "Sergeant"), "Panikabend"("Trilogie der Eifersucht", "Das Erbe", "R.I.P.") "Der Geizhals", "Die Geldstrafe" u. a. Als die Spielstätte im Weinhaus Uhle aufgegeben werden musste, bot die Stadt dem Verein das Thalia und das ebenfalls seit Jahren leerstehende TIK am Pfaffenteich an. Schon nach kurzer Zeit war das Theater unterm Dach im ehemaligen Kulturbund nicht nur Probenraum, sondern auch Aufführungsort für zahlreiche Freie Künstler und Gruppen aus dem In- und Ausland. In manchen Jahren gab es über 100 Veranstaltungen; nach und nach wurden die Schweriner und ihre Gäste dadurch auch noch mehr mit neueren oder vorher unbekannteren Kunstrichtungen, besonders mit Pantomime und Tanztheater vertraut. Insgesamt 10 Internationale Festivals sowie eine Reihe Theatersommer gaben dazu vielfache Gelegenheit. Für die Wiederbelebung des TIKs wurde der Verein ausgezeichnet, indem ein Vorstandsmitglied zum Neujahrsempfang des Bundespräsidenten geladen wurde. Als die Stadt das Haus der Kultur (ehemals Kulturbund) verkaufte, organisierte das Freie Theater Studio den Widerstand gegen den Ausverkauf dieser Kulturstätte durch die WGS, sammelte in kurzer Teit dazu über 3000 Unterschriften und erarbeitete u. a. ein zukunftsweisendes Konzept für ein Haus der Kulturen in Schwerin- zwar konnte der Verein am Ende aus finanziellen u. a. Gründen nicht den eigenen Verbleib im Hause sichern, als Kulturstätte jedoch blieb das Haus erhalten.
Nach dem erzwungenen (zunächst zeitweise gedachten) Umzug in das jetzige ebenfalls geschichtsträchtige Jugendstilhaus in der Mecklenburgstr. 28, bei dem viele Schweriner mit anpackten, kam zu der neuen kleinen Bühne ein weiterer Aufführungsort und Sponsor dazu: das Schweriner Hotel Elefant. Der Künstlerische Leiter des Freien Theater Studio, Dr. Franklin Rodríguez Abad, erhielt in Anerkennung seiner Leistungen das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschlands. Alle Ehrungen hatten jedoch keinerlei Auswirkungen auf die immer geringer ausfallenden Fördermittel des Landes,die von anfänglichen 120.000 DM im Jahr nach und nach auf 20.000 Euro schrumpfen sollten. Als Konsequenz dieser Entwicklung gab es immer weniger Gastspiele, bald fand nur noch 1 Internationales Festival im Jahr statt, 2003 war nicht einmal das mehr möglich. So beschränkte sich der Verein im letzten Jahr auf die regelmäßigen Schauspielseminare unterschiedlicher Niveaustufen, den Pantomime- und den Orienttanzkurs und eine Reihe eigener Inszenierungen (z. B. "Casa Matriz", "Der Kuchen und die Torte", "Die Ringparabel", Szenen zum Thema "Sucht"...). Für mehr war kein Geld da. Der Konkurs des Hotels Elefant und ein Veranstaltungsverbot in unseren Räumlichkeiten wegen "Feuergefahr" (offensichtlich ein verbreiteter Schachzug, um in Schwerin Kultur zu verhindern) schränkten die Arbeitsmöglichkeiten weiter ein. Im Herbst kündigten Stadt und Land weitere gravierende Mittelkürzungen (um 20 bzw. 40 %) an, die ein weiteres Funktionieren der Einrichtung in dem beschriebenen geringen Umfang nicht mehr ermöglichten. Seitdem tüftelte der Verein an Alternativen. Auf der letzten Vereinsversammlung am 14.02.04 beschlossen die Mitglieder -auch unter dem Eindruck der nun erfolgten Totalstreichung seitens der Stadt - die Auflösung. 13 Jahre Freie Theaterarbeit in Schwerin haben damit ein Ende.
Schwerin verliert nicht nur einen kleinen Verein, sondern auch ein kleines Theater - das einzige, das sich bislang neben dem Staatstheater über Jahre halten konne, ein Theater, in dem es nicht um die beste Präsentation der Abendmode oder um das Knüpfen geschäftsmäßiger Beziehungen ging, sondern um tiefe persönliche Begegnung mit der Kunst, mit anderen Menschen und Kulturen, ein Theater, in das man nicht ging, um gesehen zu werden, sondern um zu sehen. Schauspiel- und Pantomimeschüler bleiben mit halb entfalteten Talenten zurück, begonnene Inszenierungen bleiben unvollendet und auch viele Freie Künstler und Gruppen müssen einen ihrer Spielorte entbehren. Der absolute Kahlschlag in der Kultur mag ausgeblieben sein, aber ein Baum ist schon gefällt. Ist das wenig?
Das Freie Theater Studio e. V. entstand 1994 nach Über drei Jahren Freier Theaterarbeit in Schwerin. Zu den ersten eigenen Inszenierungen des ersten Freien Theaters in Mecklenburg gehörten "Geschichten von Irgendwo", "Panikabend", "Der Geizhals", "Die Geldstrafe". Der ersten Spielstatte im Weinhaus Uhle folgten das Thalia und das TIK am Pfaffenteich. Freie Künstler und Gruppen aus dem In- und Ausland. in manchen Jahren in über 100 Veranstaltungen machten das Schweriner Publikum auch mit unbekannteren Kunstrichtungen wie Pantomime und Tanztheater vertraut. Zehn Internationale Festivals gaben dazu Gelegenheit.
Dem Widerstand des Theater und 3000 Schwerinern ist es zu danken, dass das Haus der Kultur nach Umbau durch die WGS nicht als Bürogebäude entstand, sondern als Kulturstätte erhalten blieb. Im Jugendstilhaus in der Mecklenburgstr. 28 fand das TIK eine neue Heimat sowie als Gastspielort das Schweriner Hotel Elefant. Der Künstlerische Leiter des Freien Theater Studios, Dr. Franklin Rodriguez Abad, erhielt für sein Engagement das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstkreuzes der BRD.
Gleichzeitig schrumpften Fördermittel von Land und Stadt von anfänglichen 120 000 DM im Jahr nach und nach auf 20000 Euro. Als Konsequenz gab es im 18. Februar 2004 immer weniger Gastspiele, bald fand nur noch ein Internationa- les Festival im Jahr statt.
2003 war nicht einmal das mehr möglich. So beschränkte sich der Verein auf Schauspielseminare, Pantomime- und Orienttanzkurs und eigene Inszenierungen wie "Casa Matriz", "Der Kuchen und die Torte" oder "Die Ringparabel". Der Konkurs des Hotels Elefant und ein Veranstaltungsverbot im TIK wegen "Feuergefahr" schränkten die Arbeitsmöglichkeiten weiter ein. "Weitere Mittelkürzung von Stadt und Land und 20 bzw. 40 Prozent machten die Arbeit unmöglich", so Ulrike Rodríguez, stellvertretende Vorsitzende des Freien Theater Studios. "Auf der letzten Vereinsversammlung am 14. Februar beschlossen wir - unter dem Eindruck der nun erfolgten Totalstreichung seitens der Stadt - die Auflösung. 13 Jahre Freie Theaterarbeit in Schwerin haben damit ein Ende."
Schwerin verliert nicht nur einen kleinen Verein, sondern auch ein kleines Theater - das einzige, das sich neben dem Staatstheater über Jahre halten könnte, ein Theater, in dem es und tiefe persönliche Begegnung mit der Kunst, mit anderen Menschen und Kulturen. Schauspiel -und Pantomimen- schüler bleiben zurück, begonnene Inszenierungen bleiben unvollendet und auch viele Freie Künstler müssen einen ihrer Spielorte entbehren.

